Semilaſſo in Afrika.

(Semilaffos vorlester Weltgang. IT. Th, 3te Abth.)

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Biferta, Tunis.

Aus den Papieren des Verftorbenem

Hiezu die Abbildung: Der Bey im Audienz - Saal.

Mit Koͤnigl. Württemb, Privilegium

Stuttgart, Hallberger’fche Ver lagshandlung.

1836.

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Inhalts-Verzeichnits zum

dritten Theil,

Neifejournal, Seite 1, Biserta. Die Herren Viceconſuln Bottarı und Costa. Europäer , die Europa nie gefehen. Kirchhof voller Turbane. Garnifon, kläglich anzuſehen. Obere Militairchargen ſind ſoldloſe Ehrenſtellen. Nach—

ahmungswürdige Einfachheit der Geſchäfte. Sicher—

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beit in der Gegend. Ahnenforfhung. Luft zu zeigen, daB man auch den Krieg veriteht, Ereurfion auf der Schara, Bild der Eavalfade. Unfall in Menzel-Sid, Das tunefifche Paradies, Der Berg im Wafler. Terminhaltende Fiſche. Der unter ofen und auf Lorbeeren fterbende Schafal. Crayon— reife auf dem Zimmer, Als RNeitpeitfche zu gebraus= chende Wachslichter. Demüthigende Gleichgültigkeit gegen Europäiſche Angelegenheiten. Statiſtiſche Duäftionen beim fareirten Schöpfenbraten. Der weit gereiste Pudel, Der fannegießernde Grieche, Graf Armannsperg. Hohe Stadtthorfchwellen. Der Berg Dschebel Nadur, Der verrätherifche Efel und eine rare Lilie. Umfreifung des größeren See's bei Biferta, Merkwürdige Blumen. Dschebel Gungla und Dsche-

bel Esker, Fire Adler. Muſäus erfteht von den Todten,

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Die auf den Armen getragenen Eſel. Semilaſſo fällt vom Menſchen. Ochſenvögel, Katzenkäſe und Gänſebutter. Der ominöſe Freitag. Der Aberglaube muß der Pflicht weichen. Muſterhaftes Verfahren die Kameele zu putzen. Der roſenbe— ſchattete Karavanenchef. Allzeitfertiger Rathſchaffer. Die Araber bewähren ſich als Naſenvirtuoſen. Ruinen von Utika. Die Reifegeſellſchaft trinkt auf's Wohl— ſeyn Cato's in Eliſium. Eine mauriſche Tafelmuſik. Berühmter Fluß. Die fehlgeſchlagene Fährmanns— ſpeculation. Nachtlager bei einem Brummbär. Reife nach Tunis. Seltſame Hochzeitfeier. Gegend von Tunis. Der Bardo. Tuneſiſches Soldatencoſtüm. Anblick und Anruch von Tunis. Aufnahme bei Herrn Gregorio de Montes. Chevalier de Nyſſen und Herr

Deval. Generoſität des Bey von Tunis gegen ſeinen

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Leibarzt. Guter Rath für Aerzte im Vaterlande. Beſuch des Bazars in Tunis. Enthauptung der Blumen durch Muſik, oder Beftätigung des Wunders von Jericho. Benterfenswerthpe Duelle. Pallaſt des Hammuda Pascha. Parallelgang der Neinlichfeit mit der Cultur der Völker. Schöne Dörfer, Der gravi- tätifche Dragsman. Handelsvorfchläge und Handels— fpeeulationen. Häßliche Züdinnen und buntfchedige Negerinnen. Soirées. Die englifche Miffions- und Bibelgefellfchaft in Tunis, Bezahlte und unbezahlte Bibeln. ZTunefifhe parfums. Ein Neifenbenteuer

des franzöſiſchen Conſuls Herrn Deval.

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Siebenter Brief.

Seite 79,

Was ift Gelehrſamkeit? Beiträge des Herrn Noah zur Gefhichte des tuneſiſchen Staats, Einfluß der frangöfifchen Eroberung Algiers auf Tunis, Präfen- tation im Bardo. Revolution gegen den Sapatapa Sidi Zuffuf. Vorzüge des tunefifchen Landes vor Algier. Indolenz und Nachläßigfeit der hiefigen Einwohner. Anatomie ihrer Religion, Muhanımed als Neligionsfifter. Sein Werkzeug: der Koran. Sanatismus der Tunefen gegen Chriſten. Gemifchte Bevölkerung von Tunie. Lob und Tadel der Ein- gebornen. Ihre Neigung zum Aberglauben. Kurzer Proceß: den Teufel auszutreiben. Inſolenz gegen die Juden. Les chapeaux à cornes. Nahahmungs-

werthe Sandhabung ver Juſtiz. Strafarten. Ein

paar deutfche Zeitungsartikel. : Scharffinnige Nichter bei Entfcheidungen, Nachrichten über die tunefifchen Schönen. Sammer und Troft der Seirathsfähigen. Audienz einer Conſulardame bei den Prinzeffinnen im Bardo, Seftlichkeiten bei der Bermählung des jeßigen Bey. Schlimmes Omen für den Bräutigam, Efelritt und Ertränfung für verbotene Galanterie, Gefällige Bekanntſchaften auf dem Judenkirchhofe zu machen. Geſchmackvolle Anlage der Judenkirchhöfe. Ein zum Juden befehrter SKanpnifus, Sein

Grabmal,

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Achter Brief

Seite 181.

Sibiriſches Wetter in Afrika. Ueber Dramaturgie der Indier. Recept zu einer Theaterprinzeſſin. Dampf iſt zu allen Dingen nütze. Beſuch bei Herrn Raffo. Pferde und Mauleſel auf dem Dache. Be— ſichtigung des Bardo. Der Sultan der Thiere en famille. Eigenthümliche Reitſättel. Ein Spazierritt zu Muhammed Serruch und zu einem altearthagi— ſchen Aquaeduct. Wunderthätiges Heiligengrab. Die Manuba. Gefälligfeit des Bey im Sterben gegen Semilaffo. Befihtigung Carthago's. Lage und Gefchichte. Aehnlichkeit zwifchen Hannibal und Nas poleon, Des Gouverneurs Nachgrabungen in Car— thago’3 Trümmern, Aequifition von Antiquitäten,

Das Amphitheater, der Circus u. f. w. Reize bes

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Marſa-Thales. Erceurfion nad Kammart. Berfal- lenes Prachtſchloß eines durch Unvorfichtigfeit verun- glüdten Kaufmanns. Parallele zwifchen Afrikanifcher Gewalt und Europäifcher Hudelei, Kunft- und Naturalienfammlung des englifhen Gonfuls. Der Kuhefel. Grabmal eines Maräbut’8 neben der Sterbeftätte des heiligen Ludwig. Eritif für und gegen Herren Falbe. Befuh in Goletta bei Herrn

Gaspary. Schmarober in Schnedenfornt.

Neifejvurmnmal. Seite 233. Detail der Motiven zu der im fiebenten Briefe erzählten

Revolution gegen Sidi Zuffuf. Modelle für plaftifche

XIII

Künſtler. Raffinirter Farbenſinn. Empfehlenswerthe Art zu grüßen. Tod des Bey von Tunis. Thron— beſteigung ſeines Nachfolgers Sidi-Mustapha. Die Köche des Divans, in kleinen Mützen und großen Schuhen tragen den Bey zu Grabe. Das Pele- mele des Leichenconducts. Gefahr für Chriften, einer muhammedanifchen Leichenbeftattung zuzuſehen. Be— fihtigung der Cassba, Beſatzung berfelben zu Carl des Fünften Zeit. Stra fralla! Sehenswür— diger Thurm. Unvorfichtigfeiten in der Pulverfabrif, Schöne Cafernen, Landhaus des Sapatapı. Der 96jährige Eaftellan. Kaffee mit Mofchus ift nicht anzupreifen. Ausgezeichnet gute Pferde, Der Bus gharnin und die Bäder von Hammam-lief. Muntere Flöhe; Eivechfen und Goldkäfer. Anafreons Cikaden—

gefang. Der reitende Hampelmann. Wiederholter

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Beſuch der Ruinen von Carthago. Vortheile der Fußverrenkung. Große blühende Aloe, Der gras— grüne Beſuch. Marftgang. Unförmlichkeit tunefifrter Galanteriewaaren. Ruhmierthe Laftträgerehriichkeit. Srlavenbazars. Viſite beim Marineminifter. Cha- tafteriftifche Schwierigfeit in Handelsgefchäften, Ab- ſchieddaudienz im Bardo. Sitzung im Juſtizſaal. Kaffee als Mittel zur Ausübung der Gerechtigkeit. Abſchied von der Löwenfamilie. Auch der Paſcha

von Gottes Gnaden.

Veise- Journal.

(Fortfegung,)

Biferta, den 20, April 1835.

Wohl hat Volney Recht, wenn er ſagt, daß alle Beſchreibungen fremder, den unſern ganz entgegengeſetzten Laͤnder, immer nur zur Hälfte die Gefühle malen und wieder beim Leſer hervor: rufen Tonnen, die der Tebendige Anblick derfelben gewährt. Ich habe die Reifen diefes berühmten Philofophen Fürzlich wieder vorgenommen, fie aber im Ganzen zu nüchtern für meinen Geſchmack gefunden. Was er fagt, ift in der That immer wahr, feine Unterfuchungen find gründlich und

Semilaffo in Afrika, I. 1

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feine Bemerkungen foharffinnig, aber es wird ung nichts wahrhaft anfchaulih. Er zeigt uns, als Anatom, nur das Gerippe, Muskeln und Aber: gewebe in feinen richtigften Verhältniffen, aber ohne die fehönere, mannigfache außere Hülle. Ich liebe es, auch das elaftifche Fleiſch, die Roſen— wangen der Natur, ihren duftenden Athem, das ganze reizende Spiel ihrer Schöpfungen gefchildert zu ſehen, und aud) das bunte Gewand, das Ihr der Menfch, immer wechfelnd, anzieht. Bon allem dem ift in Volney’s Neifen nichts zu finden. Selbft wenig gefühlooll, nur ein ſtrenger Denker, enttäufcht er über Alles, und wird, um nie un wahr zu werden, immer farblos. Auf diefe Art aber tritt er auch der Wahrheit zu nahe, deren es ja fo wenig abfolute gibt, und die der gewiffen- haftefte Reifende doch nur individuell in feinen DBefchreibungen beobachten kann; denn Einer wird vom Enthufiasmus ergriffen, wo der Andere Falt bleibt. Der fieht rofenfarben, was Jenem ſchwarz erfcheint. Da aber heut zu Tage fo Viele ihre

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Reiſen erzählen, fo ift dies fehr gut, denn nun kann es das verfchiedene Publikum damit wie mit den Journalen machen, namlicd nur die Iefen, die von feiner Farbe find.

Bisher hatte Alles, was ich von Afrifa ger ſehen, imnter eine fo ftarfe frangöfifche Beimifchung gehabt, daß ich mich noch halb in Europa glauben fonnte, Biserta (im Xrabifchen Bensert, zur Zeit der Nömer Hippo-Zaritus) war die erfte Stadt, wo diefer heimathliche Anklang ganz weg⸗ fiel und mir Alles wie eine wahrhaft neue Welt erfchten. Die Bevölkerung in ihrer mannigfaltigen Tracht; die fremden Gebräuche und Sitten, die vielen Cameele, die theils auf den Stadtfplaͤtzen mit einem aufgebundenen Bein dreifüßig ftanden, theils auf den Knicen, und alle vier Beine unter fic) verborgen, fo dalagen, daß fie mit dem langen, weit vorgeftreckten Schwanenhalfe coloffalen Vögeln glichen, oder im der Ferne in den langen Reihen einer Caravane langfam am Meeresſtrand hin- zogen; die zwifchen eingefallenent, grün bewachfenen

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Gemäuer auffteigenden fchlogartigen Haͤuſer mit wenigen Fleinen vergitterten Fenſteroͤffnungen; die hohen crenelirten Mauern rund um die Stadt, mit den blutrothen Fahnen auf den Forts; die von den unfern fo verfchiedenen Marktplaͤtze nebft ihren fremdartigen Buden; die Schulen, wo bei offenen Thüren an der Straße, ein Haufe wie ein Knaͤuel in einander gewirrter Kinder ein uns aufhörliches widerliches Gefchret ausftießen, was die hiefige Manier ift Iefen zu lernen; die mit Netzen verhangenen Thüren der Barbiere, und die Kaffecehäufer, vor denen, mitten in der Straße auf Matten gelagert, bunte, bartige Männer mit viermal fo großen hölzernen Figuren als die unfres Schach's find, eine Art Dame fpielten; bis felbit auf die tunefifchen Douaniers herab, die wir fo viel artiger und genügfamer als die europaifchen fanden Alles war neu und eigenthümlich, Ich fand an den beiden Viceconfuln von Frank— reich und Sardinien, Herrn Bottari und Herrn Eofta, zwei fehr verbindliche und artige Männer,

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die nebft allen ihren Angehörigen mic, Außerft freundfchaftlich aufnahmen. Herr Bottari raumte mir fogleich in feinem ſchoͤnen und großen Haufe eine bequeme Wohnung ein, und forgte für jedes meiner Bedürfniffe. Obgleich von curopaifcher Abkunft, Hat doch weder er noch feine Mutter, fo wie feine beiden Schweftern, die theils. hier, theils in Tunis geboren find, Europa je gefehen, und es war mir deshalb auffallend, fie dem—⸗ ungeachtet Alle von fo feiner europaifcher Bildung zu finden, als man in unferm DVaterlande felbft kaum allzuhäufig antrifft. Sie fprachen franzöfifch, italiänifch und arabifch gleich geläufig, die italiäz nifche Sprache war jedoch am meiften an der Tagesordnung, weshalb mir der Aufenthalt in Biferta zu einer guten Uebung in derfelben geworden ift,

Mährend man meine Sachen in dem neuen Logis ordnete, machte ich zugleich mit dem Sohne des Herrn Cofta einen Spaztergang um die Stadt, und feßte ihn dann bis auf einen nahe gelegenen

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Hügel fort, von dem ein unerwartet reicher Anz blick mich überrafchte; denn hier zeigte fich rund umber, der Regence von Algier fehr entgegenz gefeßt, ein lachendes forgfältig bebautes Land. Die ſchoͤnſten und üppigften grünen Saaten dehnten ſich nach allen Seiten aus, und umfchloßen, vielfach mit Baumen untermifcht, zwei faft zuſammen⸗ haͤngende großartige Seen, die über zehn deutfche Meilen im Umfange haben. Sch werde fpäter ohne Zweifel Gelegenheit haben, naher darauf zurücdzufommen.

Ueber den Kirchhof voller Turbane, Die, feit der Sultan fie abgefchafft, bald nur noch die Leichenfteine zieren werden, wandten wir uns längs der hohen Mauern der Cassba wieder der Stadt zu. Sch bemerkte einige Steine mit römifchen Inſchriften hoch oben eingemauert, ohne jedoch die halb verwifchten Buchftaben entziffern zu Tonnen. Als wir bei dem Valais des tunefifchen Befehls: habers der bewaffneten Macht vorübergingen, an deffen Thore zwei prachtige Maulbeerbaume ftanden,

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begegneten wir einem Offizier der nur 50 Mann ftarfen Garnifon, die obendrein faft allein aus Invaliden befteht und das Fläglichite Anfehn hat. Sch würde den gedachten Offizier für einen alten Bettler gehalten haben, wenn Herr Cofta mic) nicht mit feiner Würde befannt gemacht hätte. Seder diefer Offiziere, deren es fünfe gibt, com— mandirt hier zehn Mann, und jede diefer zehn Mann bilden die Beſatzung eines der fünf Forts, welche die Stadt vertheidigen. In der jetzigen Sriedenszeit liegen fie jedoch alle auf der Cassba und infpiciren nur ab und zu ihre refpectiven Forts, Der Gehalt eines ſolchen Befehlshabers beträgt täglich einen halben tuneſiſchen Biafter (der tunefifhe Piafter galt jegt einen Franken und zwei Sous), nebft einem fehr geringen De— putat. Der General oder Aga bat felbft nur vier Sous mehr, und wird alle ſechs Monat durch einen Andern abgelöst. Außer diefem Aga gibt es auch noch einen Gouverneur, Kiäja ge nannt, deffen Schalt bis zu einem ganzen Piafter

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täglich fteigt, und der in Biferta hauptfächlich die Marinegefchäfte zu beforgen hat. Der dritte Sunctionär des Goupernements ift der Caid, dem alles das Finanzwefen Betreffende übertragen ift, eigentlich mehr eine Art Generalpächter. Dies find die einzigen Staatsdiener (NB. ohne alle Unterbeamte, nicht einmal einen Schreiber), deren der Bey bedarf, um Biferta und das umliegende Land regieren zu laffen, und fie haben, wie gefagt, weder Ganzelleien noch Bürcau’s, fondern müffen alle vorfommenden Gefchäfte allein verfehen; eine Einfachheit, die man in Europa, bei unferm Müden- ſchwarm von Beantten, allerdings einigermaßen nachgeahmt zu fehen wünfchen möchte,

Doch um wieder auf unfre acht Fallftaff’fchen Soldaten zurücdzufommen, fo führen diefe 50 ausgefuchten Krüppel ohne Uniform, nur in zerriffene Lappen gehüllt, auch alle verfchiedene Waffen; Einige Frumme Säbel, Einige endlos lange Slinten ohne Steine an den Schlößern; Andere tragen fogar nur Stocde gefchultert. So

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binfen, tappen und humpeln fie mit den ernftz hafteften Gefichtern und nacten Beinen durch die Stadt, den cben fo lumpig ausfehenden Aga— General an ihrer Spige, Es ift fehwer zu ber greifen, warum, ungeachtet diefer geringen und burlesfen militatrifchen Kräfte, Dennoch hier überall die vollfommenfte Sicherheit herrſcht, und man, fo weit man will, die Tafchen voller Gold, die Gegend durchziehen kann, ohne den mindeften Unfall zu befürchten wahrend in Tabarka unter der nämlichen Herrfchaft, nur dreißig Stunden weiter, es mit Lebensgefahr verbunden war, einen Büchfenfchuß weit ins Land vorzu— dringen. Wenn icy nach der Urfache frug, hieß es nur: Die Leute hier find gut, und dort find fie böfe. Einen andern Grund wußte man nicht anzugeben. Vielleicht find die hiefigen Einwohner Abkoͤmmlinge der einft civilifirten Carthager mit Arabern gemifht, und Jene mit Vandalen gez freuzte Nachfommen der Numidier Zugurtha’s, deren beiderfeitiges Blut, im Böfen wie im Guten,

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fortgeerbt hat. Der Conful erzählte uns indeß, daß wahrend des fechsmonatlichen Krieges mit Sardinien, wo man einen Weberfall DBiferta’s befürchtete, 700 der wilderen Kabylen hierher beordert worden waren, die gleich damit anfingen, eine Decharge ihrer Flinten auf die Haufer der Conſuln von Frankreich und England zu richten, welche alle Danıen in die Keller trieb, und deren Spuren man mir noch reichlich in den Mauern und Fenftervorhängen zeigte. Gluͤcklicherweiſe vers urfachte dieſe Friegerifche Wallung weiter keinen Schaden, und die Thäter wurden hart beftraft.

Sie führten zu ihrer Entfchuldigung an, daß fie doch den Franzofen und Engländern, die ihnen Algier genommen, hätten zeigen wollen, daß fie auch den Krieg verftünden,

Der übrige Theil des Tages war der Ruhe, dem Bade und einem heitern Mittagsmahl gez widmet, das Durch die lebhafte Unterhaltung meiner freundlichen Wirthe, wie durch allerlei Delica- teffen der Lepante fehr angenehm gewürzt wurde,

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Yın andern Tage machten wir eine fehr ins tereffante Ereurfion auf der Landzunge Schara, die fich tief in den See von Mezauka erſtreckt, ehentald Promontorium Hippos genannt, auf dem, nac) Divdor von Sicilien, Agathofles fein Lager auffchlug.

Unfere Cavalcade gewährte einen ziemlich grotesfen Anblick. Ich ritt ein unbefchlagenes Kleines Bauernpferd mit einen Weichfelgopf, auf dem des Conſuls prächtiger, goldgeftickter Zaum von violettem Safftan ſich um fo wunderbarer ausnahm, da der alte und abgenußte fpanifche Sattel aus dem dreizehnten Jahrhundert herzu— ſtammen ſchien. F.... hatte große Mühe ſich, ald Dame auf einem enormen Packſattel reitend, ohne Bügel auf feinem munteren Efel zu erhalten, den er nur unvollftändig mit einer langen Stric- Halfter regieren Fonnte, deren anderes Ende zugleich als Peitfche diente, Das Maulthier des Herrn Coſta junior machte uns die meifte Noth, denn bei jeder Begegnung mit einem andern Thiere

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vom Gefchlechte der Pferde oder Efel begann es ein fo dröhmendes, und durch Feine Prügel zu daͤmpfendes Gefchrei, daß viele Minuten lang alle Unterhaltung dadurch unmöglich ward. Uebrigens liefen alle drei Thiere rüftig und leicht, wenn der den Zug führende Maure voran war. Defto fhwerer war es felbftftandig ihrer Herr zu werden, und bei einer der letzten Gelegenheiten Fam unfer gütiger Begleiter in fehr unangenehme Berührung mit der Miftpfüse des Dorfes Menzel-Sid, Die Landzunge auf der wir uns befanden, ungefähr zweit Stunden lang und eine Stunde breit, ift ein fo gut cultivirtes Grundſtuͤck, als man es nur in Europa finden kann, verbunden mit aller Neuheit der hiefigen Zone. Das hügeliche Terrain, welches fortwährend andere Ueberfichten gewährte, zeigte im Lieblichften Wechfel bald Hellgrüne Slachen von dunfeln Dlivenwäldchen fehattirt, die ein vortreffliches Del geben; bald wohlgehaltene Meingarten, regelmäßig von Feigen und Mandel: baumen voller Früchte, Jujubiers nebft andern

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blühenden Obſtbaͤumen durchfchnitten, und von Hecken der indianifchen Feige umfaßt, durch die fih ſchon blühende Roſen fchlangen; bald mit gutem Vieh beſetzte Weiden, die eine dort vor: herrfchende, fehr reich blühende Art Ginfter wie in ein goldgelbes Tuch einhuͤllte. Zuweilen bemerften wir auch große Nemifen aus einem gefchloffenen Dieicht von Granaten beftchend, die wir nur bedauerten nicht in der Blüthe zu fehen. Ihre Früchte follen die ausgefuchteften im ganzen Tuneſiſchen Gebiete feyn. In den Öetreidefeldern fanden wir, ftatt unferer Kornblumen, die blaue Sartenwinde und rothe Zris, und in den Wirfen die fchönften Lupinen, verfchtedene tern, und cine fehr in die Augen fallende purpurfarben blühende Eiparferte. Gegen die Stadt und das Meer zu zichen fich große Ziergärten hin, die mit Palmen, Drangen, Eitronen, Maulbeerbäumen, Quitten, Pfirfich, Aprikofen u. ſ. w. im Ueberfluß verfehen, aber verhaͤltnißmaͤßig weniger gut als die Wein- berge gehalten find. In einem diefer Gärten fteht

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eine majeftätifche Pinie, welche die einzige in der ganzen Gegend feyn fol, Es fcheint hinficht- li des Eigenthums hier eine große Kiberalität zu herrſchen, denn wir durften nicht nur ungehindert in die fremden Befigungen hineinreiten, fondern unfer Führer pflücdte uns auch noch rechts und linfs ganze Hüte voll Roſen, DOrangenblüthen und Apfelſinen ab, von denen die Icßteren jedoch mehr bitter als füß ſchmeckten, und weit entfernt von der VortrefflichFeit derer des Atlas waren, Nichts kann anmuthiger feyn, als die Hohlwege, welche zwifchen diefen Gärten hinführen. Die mannigfachen Schattirungen fo vieler Sträucher, Weiden und Pflanzengewächfe, unter welchen befonders die blaß— grün und filberfarbene wohlriechende Abfinthe von den dunkeln Zweigen des Sadebaumcs fchön abfticht, gaben ein fo liebliches Bild, daß man die unnad)- ahmliche Kunft der Natur bewundern mußte, die, fi) immer felbft genügend, in ftiller Einfamfeit unaufhorlich ſchoͤpferiſch fortwirkt, unbeforgt ob ein menschliches Auge fie verficht und würdigt.

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Wir wenden nun unfere Blide nach dem Mittelgrund der großen Landfihaft, und auf den hufeifenartig geformten See, der mit einem zweiten hinter ihm zufammen zu fließen fcheint, aus deffen Mitte ein hoher dunfelblauer Berg in führen Linien aus dem Waſſer fteigt. Diefe beiden Seen, welche in der Mitte gegen 30 Fuß Tiefe haben, fo daß fie die größten Kriegsschiffe tragen Fönnten, und deren Ende nur einige hundert Schritte vom Meere entfernt ift, mit dem fie ein breiter durch die Stadt fließender Canal verbindet würden einen der fchönften Häfen der Welt abgeben, wenn die Induſtrie einer folchen Anlage zu Hülfe Fame. Dies wäre um fo mehr zu wünfchen, da der jeBige kleine Hafen von Biferta einer der gefahrlichften an der ganzen Küfte ift, was natürlich die Folge hat, den Handel und Verkehr der Stadt nur höchft unbedeutend zu laffen. Dafür ift jedoch die Fifcherei des größeren See's in feiner jeßigen Verfaffung eine der einträglichften, und zugleich von höchft eigenz

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thümlicher Art. In dem tiefften Theil deffelben, dem freundlichen Dorfe Menzel-Sid gegenüber, bat die Natur zwölf verfchiedenen Gattungen von Fischen ihre Wohnung angewisfen, von denen jede auch einen verfchiedenen Monat wählt, um ihre Eier zu legen. Da fie diefe nun inſtinctmaͤßig in das hohe Meer abzuwerfen fuchen, fo koͤmmt jeden Monat des Zahrıs regelmäßig eine andere Sorte Fifhe dem Canale zugeftenert, der den See mit dem Meere verbindet. Hier aber empfängt fie die mörderifche Berechnung des Menfchen. Da, wo dicht neben der Stadt auf einer Kleinen Inſel die Tempelgräber von vier Maräbuts unter Palmen fichen, hat man den See durch einen Fang gefchloffen, der einen großen Raum einnimmt, und deſſen weite Xhore nad) der Seite des See's hin drei Tage in der Laichzeit offen gelaffen werden, bis der ganze Fang von Fiſchen wimmelt. Er ift denn dermaßen mit ihnen angefüllt, daß mehrere hundert Menfchen fortwährend befchäftigt find, die Beute mit Hamen

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in Säde zu werfen, von denen gewöhnlich gegen 150 Pferdeladungen nad) Tunis expedirt werden. Diefe Fifcherei giebt monatlich ein wahres Volks— feft für Biferta ab, und fcheint feit der Roͤmer— zeit nie abgenommen zu haben. Der jüngere Plinius fagt von diefem See, daß er bald höher, bald tiefer als das Meer ftehe, und daher ab- wechfelnd der See in das Meer abfließe, oder von ihm Zufluß erhalte, was mir die Eingebornen beftätigtem Der Pacht für den Fifchfang in Biferta trägt jet dem Bey jaͤhrlich 80,000 Piaſter ein,

Die jenfeitigen Ufer des See's, fanft gegen die Berge anfteigend, find ebenfalls, gleich der Schara weithin vortrefflich cultivirt, bis auf die dem Meere zugewandte Seite, wo gelbe Sand» dünen das Ufer bilden; aber felbft diefe machen in einer fo üppigen Gegend, als Contraft, Feinen unangenchmen Effect. Ueber Alles prachtvoll ift dagegen der unermeßliche Halbfreis des Gebürges, der am Horizont beide Scen umfchließt und deffen

Semilaffo in Afrika. III, 2

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weiten Bogen das Meer zur Sehne dient. Hier lagern fic) an einigen Orten die verfchiedenen Berglinien bis ficbenfach übereinander, während hie und da einzelne ferne Spigen, in den verfchies denen Nünncen eines fih nah Maaßgabe der Entfernung abftufenden Blaw’s, aus den wellen- fürmigen Ketten hervortreten. Obgleich uns das Wetter Teineswegs begünftigte, denn es war feit unfrer Ankunft für das hiefige Elima und die Sahreszeit unglaublich Falt geworden nad) meinen Taſchenthermometer nur 7 Grad über Null, wozu ein heftiger Nordwind blies fo war doch bei dem grau und fchwarz bededten Himmel Luft und Ferne klar, für mic), der fo viel mit den Augen lebt, die Hauptfache. Ab und zu genoffen wir auf unferer Tour auch des Jagdvergnuͤgens, zu dem fich hier überall reichliche Selegenheit vorfindet, und 3... . Schoß heute unter Roſen und Lorbeeren den erften Schafal. Die folgenden Tage befand ich mich, wahr fcheinlich noch von den Folgen der barbarifchen

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Serfoft, des langen Schaukelns und ber einge, tretenen Kälte, von der ich bis jest mehr als von der Hige in Afrika gelitten, zu unwohl um auszugehen. Ich mache daher meine wenigen Betrachtungen in der Stube.

Sonderbar allerdings ift dieſes Land! Ungefähr fo ftelfe ich mir Deutfchland im zwölften Jahr— hunderte vor, Obgleich Biferta eine Stadt von 10 bis 12,000 Einwohnern ift (auch dies weiß man jedoch hier nur der Wahrfcheinlichfeit nach) hat fie doch weder eine gepflafterte Straße noch eine Stadtufr, Nur wenn die Sonne feheint, feuren die Mauren genau um Mittag eine Kanone ab, fonft gefchieht e8 aufs ©erathewohl, und die übrigen Stunden werden nad der Sanduhr gemeffen. Merzte und Apotheker gibt es nicht, felbft Feine Schneider, als für das gemeine Volk, und alles dergleichen muß daher aus der Haupt: ftadt bezogen werden, Leider ift auch der Spiritus für meine Theelampe nicht mehr zu haben, und da der Verfuch mit Del als Surrogat, wegen

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abfcheulichen Geftanfes mißlang, mußte ich zu dem fündlichen Luxus fchreiten mit eau de Cologne zu warmen. Wachslichter habe ich nach vieler Mühe endlich aufgetrieben, fie find aber nicht ftarfer als mein Fleiner Finger, oben noch dünner ausgehend, von dunfelgelber Farbe, drei Fuß lang, und eine folhe Kerze gleicht mit ihrem weit bhervorfiehenden Dochte vollfommen einer ſchmutzigen NReitpeitfche. Die Gleichgültigkeit, mit der hier unfere europäifchen Verhältniffe und Angelegenheiten, die uns fo wichtig erfcheinen, aufgenommen werden, ift faft demüthigend. So glaubte ich mich bei der gutmüthigen Familie, die mir fo freundlich die Gaftfreiheit gewährt, mit meiner alten Neuigfeit vom Tode des Kaifers von Defterreih u. f. w., was hier Alles erft nach Jahr und Tag bekannt wird, fehr intereffant zu machen, mußte aber zu meinem Schreden gewahr werden, daß die Damen gar nicht recht genau wußten, wer diefer VPotentat gewefen ſey, und als wir Abends eben einen nationalen mit Rofinen

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und Mehl farcirten Schöpfenbraten zu ung nahmen, frug mich einer der Gaͤſte; ob es gegründer fey, dag Napoleon auf St. Helena geftorben. Es ift Niemand hier im Haufe, der feit vierzig bis fechzig Sahren weiter als bis Tunis gekommen wäre, (außer ein fchöner Pudel, Barbett, der vor Kurzem von Marfeille angelangt ift) und man nimmt an den Erifen der europaifchen Politif hier weniger Anz theil, als an den etwaigen ulturfortfchritten der Drangoutangs in Java, oder dem Gedeihen der hriftlichen Miffionäre in Ovaihi und Otahaiti. Ein alter Grieche, der eben aus Arkadien angefommen war, bildete hierzu den vollfommenften Gegenfaß. Diefer Fannegieferte con amore, und zog dabei auf das Heftigfte auf den Minifter Armansperg los, von dem er die feltfame Meinung hegte, daß er ein geborner Jude ſey. Er verficherte, den jungen König liebe die Nation, aber den Minifter wolle fie nicht langer ertragen, und wenn man diefen nicht fortfchicke,, fey eine zweite Revolution unvermeidlich, Den Prafidenten Capo—

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diſtrias, meinte er, bedaure und beweine jetzt Freund und Feind (was den leichtfinnigen Griechen Ahnlicy genug fieht) und jeder DVaterlandsfreund verabſcheue den englifchen und franzoͤſiſchen Einfluß, der dem Prafidenten das Leben gefoftet, um Griechenland nicht zu mächtig werden zu laffen. Rußland fey Die einzige Macht, die ihnen wahr— haft wohl wolle, was auch immer allgemeiner im Griechenland gewürdigt werde, wo, feit der »Giudeo“ dort unumfchranft gebiete, Feine Ge— rechtigfeit mehr zu finden ſey, fo daß es weit beffer unter der Herrfchaft der Türken gewefen, u. ſ. w., u. ſ. w. Auch neapolitanifche Carbonari gibt es hier, die ſich fruͤher nach dieſen Kuͤſten gefluͤchtet, wo das Gouvernement ſich ſo wenig um die Meinungen der Privaten bekuͤmmert, aber thaͤtlichen Widerſtand mit dem vortrefflichen Mittel der Baſtonade oder des Kopfabſchneidens ſogleich zu daͤmpfen weiß.

Noch einer Eigenthuͤmlichkeit Biſerta's muß ich erwähnen, daß naͤmlich die Schwellen aller

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Stadtthore aus drei Fuß uͤber den Boden hervor— ragenden Steinbloͤcken beſtehn. Daß es demnach keine Equipagen hier geben kann, ſpringt in die Augen, ſelbſt die Pfluͤge, mit denen das Feld beſtellt wird, ſind ohne Raͤder, ſonſt den unſrigen ziemlich aͤhnlich.

Den 21. April.

Troß Kälte und abwechfelndem Regen ritten wir Nachmittags aus, um einen die Gegend domi— nirenden, nordiweftlich gelegenen Berg Dschebel- Nadur, welches Belvedere bedeutet, zu befteigen. Er gewährt, die Hauptgegenftände betreffend, die fhon in den vergangenen Tagen befchriebene Ausficht, nur in einem noch umfaffenderen Maaß— ftabe, und ich Fonnte von hier mit Leichtigkeit die Conture des ganzen erften See's mit feinen feltfam geformten Inſeln (die eine bildet ein regelmäßiges, fcharf ausgefchnittenes Viereck), wie einen Theil des zweiten aufzeichnen. Rechts des Berges befand fich ein weiter und tiefer Bergfeffel, von circa anderthalb Stunden Umfang, der ganz mit

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wohl angebauten Feldfluren überzogen war. An feinem Ende ftand, unter einem mühfam halb abgetragenen Hügel, ein weitlauftiges Dorf, Ras el gharra, aus Erdhütten ohne Fenfter beftehend, die nur mit einer niedrigen Thüre verfehen, und nachläßig mit Rohr gededt find, Die Stuten der Bewohner weideten auf den Wieſen rund umber, von der gewöhnlichen Menge weißer Hunde befhüßt. Auch nad) Biferta hin erftreckte fich eine ununterbrochene reiche Eultur, nur der obere fteinige Theil des Berges war mit Geftrüpp bededt, in dem die Schafals, im Begattungs- vergnügen begriffen, wie Haaſen um uns herz fpielten. Auf der Seefeite erblickten wir, fehr froh nicht mehr darauf zu feyn, die Inſel Galita wieder, nebft einem andern Fleinen Felſen im nahen Golf, die Hundsinfel genannt, der wie ein von den Fluthen getragener fchwarzer Steinblod auf der ruhigen Flache zu liegen ſchien.

MWir waren diesmal Ale nur auf Efeln ausgezogen, und beim NHerabfteigen flürgte der

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meinige auf eine fo verrätherifche Weiſe, daß ich mit fanımt dem Sattelüber den Kopf deffelben geworfen wurde, ungeachtet der Sattelgurt nicht geriffen war, eine Avantuͤre, von der ich fonft nur bei bocenden polnischen Nemontepferden gehört habe, Sch Fam indeß ganz geſchickt herunter und nicht einmal zu Falle, denn ich blieb, den Sattel zwifchen den Beinen, auf meinen Füßen ftchen, grade neben einer der fchon- ften himmelblauen Lilien von fechs Zoll im Durch: meffer, von der ich noch Fürzlich ein viel Fleineres und armlicheres Eremplar, als große Seltenheit, in einem europäifchen Gewachshaufe gefehen hatte. Auf dem Ruͤckwege durchritten wir wohl eine Stunde lang zuſammenhaͤngende und forgfaltig gepflegte Dlivenplantagen, zuletzt in einer ſchoͤnen Allee hoher Palmen, von denen jedoch viele im Stamme abgeftorben waren, und dann nur einen dichten Unterbufch bildeten. Das Meer und Biferta’s weiße Thürme gewährten über dem ebnen grünen Boden eine wahre Decorationg: Perfpective.

Den 22. April.

Der heutige Tag ward einer bedeutenderen Erpedition gewidmet, nämlich der Umfreifung des größeren See's, welcher fechs bis ſieben deutfche Meilen im Umfange hat.

Ungefähr zwei Stunden von der Stadt hört die bisherige Mannigfaltigfeit der Gegend auf, und einformige Savannen nehmen ihre Stelle cin, deren einziger Schmuck in unzähligen Blumen maffen befteht, unter welchen wir jeden Augenblick eine uns neue Art entdeckten. Am fremdartigften erfchien mir eine blaßgrüne Blume mit roth- getupptem Kelch, und eine andere, die täujchend einer am Stengel ſitzenden Biene gli. Diefe letztere gehört, glaube ich, zu dem Gefchlechte der

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Ophrys. Nie bedauerte ich mehr, Feinen Botaniker bei mir zu haben, der hier ohne Zweifel aus einem Entzücen in das andere gerathen wäre, Nach einem langen und ermüdenden Marfch erreichten wir den Dschebel-Gungla, von dem man den zweiten See mit dem in feinem Mittelpunet liegenden fchwarzen Berg, Dschebel-Esker, der dem See feinen Namen gibt, unter fih aus gebreitet ficht. Um uns befanden fich einige antife Ruinen, deren Ueberreſte längs des Waffers hin, bis jenfeitS des Fluſſes Ouad-Tindschia fich erſtrecken, und vielleicht dem alten Meldita angehören.

Als wir uns noch die wildgeformte und größ- tentheils Fahle Gebürgsgegend betrachteten, be merften wir einen Adler von außerordentlicher Größe fo bewegungslos über uns in den Lüften fhweben, daß er wie darin verfteinert fchien. Endlih ſchlug er einigemale mit den Flügeln, bei welcher Gelegenheit eine feiner ellenlangen Federn langfam herab, und dicht neben uns

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niederficl. Sch bemächtigte mich fogleich dieſes Glücszeichens und befeftigte es auf meiner türfi- fchen Reifemüße, Als wolle jedoch der Adler fein mir gemachtes Geſchenk noch mehr beftätigen, folgte er ihm jet felbft, fich majeftätifch herab- fenfend, und feßte fi) auf eine herporragende Mauerruine, einige 60 Schritt von uns entfernt, und feine fchöne Augen ftarr auf ung gerichtet, Als wir auf ihn zugingen, und J.... nicht übel Luft harte, ihn zur Dankbarkeit mit einem Slintenfhuß zu begrüßen, erhob er fich zur rechten Zeit mit großer Nonchalance und aller der Würde, die dieſem Föniglichen Vogel zu: fümmt, um feinen alten Plas über uns von Neuem einzunehmen. Er maß mit ausgebreiteten Flügeln nach) unfrer Schaßung wenigftens 14 bis 15 Fuß. Mir fiel Mufaus lieblihes Mährchen ein, und gern hätte ich länger verweilt, um zu fehen, ob auch der Fisch erfcheinen werde, um mir feine Schuppe, und der Löwe, fein Mähnen- baar zu verchren. Zu Allem wäre bier Gelegenheit

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gewefen, aber die Schöne Zeit der Mährchen und der Wunder ift vorüber! Der Menfch, ich fagte es fchon einmal, ift den verborgenen Mächten in der Luft, dem Waſſer und der Erde zu Flug, zu nüchtern und zu langweilig geworden. Schade, daß fie nicht eine Ausnahme für mich machen, der die erfte diefer Eigenfchaften gar nicht befigt, die zweite ſtets möglichft vermeidet, und hinficht- ih) der Dritten vielleicht in einer glücklichen Illuſion lebt.

Nach dieſen Betrachtungen verließ ich, meine Adlerfeder wehmuͤthig beſchauend, den geheimniß— vollen Berg, und bald darauf paſſirten wir den Fluß Tindschia, der die beiden Seen mit einander verbindet, und kaum eine halbe Stunde lang iſt, auf einer ungeſchickten kleinen Faͤhre, in die unſere Eſel von den Mauren woͤrtlich auf den Armen hineingetragen wurden, da nichts ſie vermoͤgen konnte von ſelbſt hineinzuſteigen. Beim Landen jenſeits mußten auch wir das Ufer, auf dem Ruͤcken der Mauren reitend, gewinnen, wobei

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meine Montüre abermals ftürzte, und mich, glücklicherweife fiber das Waſſer hin, auf den Sand warf, fo daß ich im zwei Tagen einmal vom Efel und einmal vom Menfchen gefallen war. Nahe bei dieſem tragtcomifchen Uebergange liegt, zwifchen römifchen Ruinen, in einem reizen: den MWäldchen von hohen Eilberpappeln, Palmen, Weiden, Nüftern und einigen mir unbefannten weißblühbenden Baumen, nebft 16 bis 20 Fuß hohen Dleanderftrauchern, der Maräbut Sidi- Ali-Hassun begraben. ine Menge fchwanen; weißer Waffervögel mit fhwarzem Schnabel und Füßen, und einer gefraufelten Feder im Genid, den Stoͤrchen ähnlich, und im Arabiſchen Cur- el-Ebgar, Ochfenvögel genannt, weil fie fich im Waſſer auf dieſe zu fegen pflegen, umfchwebten Diefe Ruheſtaͤtte. Fr... ſchoß einen davon. Bon hier aus boten, außer den überall längs des Sees von Zeit zu Zeit erfcheinenden Ruinen, theils aus antiker, theils aus fpäterer Zeit, Die übrigen zwei Drittheile des Weges abermals

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nichts als monotone Vichweiden mit Ginfter und Blumen dar. Don folchen der letzteren, die auch in Europa wild wachen, bemerkte ich folgende: die Camille, rothen Mohn, Hederih, und die wohlflingenden Namen Katzenkaͤſe, Ganfe -, Butterz und Kukufs- Blumen; die übrigen waren mir entweder ganz fremd, oder gehörten unferer Garten; Eultur an, Anderthalb Stunden vor Biferta, bei dem großen Dorfe Menzel-Dschemil, nimmt das Land wieder den malerifchen Charafter an, der es überall in der Nähe der Stadt auszeichnet, wo die entfernten Bergreihen, welche in der Nähe meiftens kahl und grau erfcheinen, von Weiten im fchönften Blau von der Sonne mit einem Goldfaume eingefaßt, über die Gewäffer herüber glänzten. Die Eultur um diefes Dorf, deffen Felder den beften fchwarzen Gartenboden haben, fteht der Europälfchen in nichts na), und über: trifft fie fo gar weit in der Golidität der Ber friedigungen, die meiftens aus forgfältig gemachten Gräben beftanden, deren Yufwurf mit undurch—

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dringlichen Hecken der indianifchen Feige bepflanzt war, Dft diente eine gemauerte Pforte zum Eingang, und die rothen und blauen Winden, die ſich durch den Cactus fchlangen, gaben dem Ganzen ein höchft erfreuliches Anfehn,

Semilaffo in Afrika. III. 3

Im Souterrain der Sabella, den 24. April um Mitternacht.

Bisher habe ich oft über den ominöfen Freitag nur gefcherzt, jeßt fange ich aber ganz im Ernfte an, feinem unheilbringenden Einfluß Glauben zu fchenfen, wenn man eine Reife oder andere wichtige Unternehmung an diefem Zage beginnt. Das Auffallendfte ift mir aber, daß ich immer durch eine unbezwingliche Diftracttion ihn felbft zu wählen, wie von unfichtbarer Hand, gezwungen werde, Sch harte mich fo lange auf Tunis ges freut, daß der Tag, an welchem ich es erreichen und unterwegs Utica fehen follte, für mic) allerdings von Wichtigkeit war. Demungeachtet hatte ich mich felbft bei Herrn Gregorio de Montes, an den ich Empfehlungsbriefe mitbrachte,

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zum 24. Abends angekündigt (denn von Biferta nad) Tunis ift nur eine Tagereife) und hierbei den Unglüdstag ganz außer Acht gelaffen. Es war zu fpat, als ich es bemerkte, und auch gleic) am Morgen, nach der fchönften fternhellen Nacht, ein fihwarzer Himmel und Regenguͤſſe mic) empfingen; denn Herr de Montes hatte mir höchft verbindlich geantwortet, daß er, um meine Ankunft zu fetern, mich mit einem Soupé erwarten werde, zu dem er mehrere Sreunde gebeten. Es ware alfo zu unhöflich gewefen, ihm vorfaßlich zu manquiren, und der Pflicht muß felbft der Aberglaube weichen. Sch trat alfo um 6 Uhr früh, troß des abfcheulichen Wetters, meinen Marfch nach der Hauptftadt an, Drei Camecle trugen meine Effecten, und es war das erftemal in meinem Leben, daß ich mich diefer fo nüßlichen, aber auch eben fo haßlichen und degoutanten Thiere bediente, Befonders widerlich ift ihr grün- liches, hartes, wiederfauendes Maul mit den langen Zahnen. Es ift faft unbegreiflich, wie fie

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die hiefigen großen Difteln, mit Stacheln wie Schuſterpfriemen, ihre Favoritfpeife, fo unbefangen zu zermalmen im Stande find, ohne ſich zu ver wunden. Man Ffann von diefem Thier mit Recht ſagen, daß es pikante Lebensmittel liebt. Was die Cameele uͤbrigens jetzt noch haͤßlicher macht, iſt, daß ſie groͤßtentheils ſchon ihr Haar verloren haben, und fo nackt wie ein abgebruͤhtes Span—⸗ ferkel erfcheinen. Um fie vor dem Ungeziefer zu jchüßen, werden fie daher über und über getheert, Kein Thier muß fi) mehr gefallen laffen, als diefe Ungluͤcklichen. Zavernier behauptet fogar, daß die Cameelhändler, um ihnen ein fettes An— fehn zu geben, fie, vermöge einer Deffnung, die fie nahe am Schweif unter der Haut machen, wie ein Luftkiffen aufblafen. In der Zeit, wo fie behaart find, werden fie nicht gepußt, fondern gleich Pelzen mit Stöcen ausgepocht.

Sch felbit ritt das ſchon befannte Fleine Bauer: pferd mit dem MWeichfelzopf; denn Fein anderes war in DBiferta aufzutreiben gewefen, weil die

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Eingebornen in den jegigen Monaten ihre Pferde regelmaßig alljährlich auf die Weide zu fchicken pflegen. Kein Nimrod Apperley hat ihnen in einem Sporting Magazine bewiefen, wie nad)- theilig diefe Mode ihren Thieren feyn müffe, und wenn man bedenkt, was fie demungeachtet leiften, fo möchte man beinahe felbit daran irre werden, Die übrige Gefellfchaft ritt insgefammt auf Maulthieren oder Eſeln. Sie beftand aus dem Conſul und feinem Schwager, die dieſe Gelegenheit benusten, nach mehreren Jahren Tunis wieder einmal zu befuchen; ferner dem griechifchen unnüßen Schwäßer ; einem fchönen jungen Mauren, der dem Schiffbrudy des Mabruck (dem fchon erwähnten tunefifchen Fahrzeuge, welches in Biſerta gefcheitert), glüdlich entgangen war; und endlich aus einem Kleinen Gefolge uebft mehreren, mit Slinten und Sabeln bewaffneten Führern und Leuten des Conſuls. Voran ritt auf einem lahmen, aber dennoch fehr ſchnell marfchirenden Maulthiere eine Art Chef der Caravane, der einen Bufch

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Nofen, mit den Stielen aufwärts unter dem Zurban befeftigt, auf feiner braunen Stirne trug, wo fie fich fchr wunderlich ausnahmen. Einer der Leute lief, als aͤchter Galopin, zu Fuß nebenher, und wo man etwas bedurfte, war er es, der immer fchleunig Rath fchaffte; auf einer Zour von acht deutfchen Meilen allerdings eine ftarfe FSatigue, die aber für ihn Feine zu feyn fchien. Gleich feinen übrigen Camaraden verfaumte er feine Gelegenheit zu Scherz und Luftigfeit, und zerriß uns auch nicht minder als die Andern die Ohren mir feinem näfelnden Gefang. Es ift fonderbar, daß die Mauren und Araber, wenn fie auch das fchönfte Organ von Natur haben, doch fters, fobald fte fingen wollen, dies nur durch die Naſe bewerfftelligen.

Die Gegend, welche wir durchzogen, beftand wie die vorgeftern gefehene, aus einer hie und da mit niedern Hügeln abwechfelnden Ebene von fandigem oder lehmigem Boden, und nur mit wenigen Bäumen befeßt, außer gelegentlic)

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einer DOlivenpflanzung. Trümmer des Alterthums, wahrfcheinli einzelnen Tempeln oder Willen angehörend, findet man auch bier überall ver- fireut. Als wir den Hohlweg erreichten, wo man über einem weiten Moraft, der chemals ein Meer: bufen war, die wallartigen, regelmäßigen Hügel von Utika zuerft erblickt, begegneren wir einem Dberbeamten des Bey’s mit einem Gefolge von etwa zwanzig Mann, der rafch an uns vorüber nach Biferta eilte. Sein Coſtuͤm war, bis auf die rothe Müge, faft europäifc), denn die Neuerungen des Sultans find aud) in Tunis bereits angenommen worden. Wir brauchten noch eine gute Stunde, che wir den Sumpf umritten hatten, und jefst bei dem erften Ziel unfrer heutigen Tour ankamen, wo wir zu frühftücen und, wie man fich denfen kann, dabei auf Cato's Wohlfeyn im Elyfium zu trinfen ung vorgenommen hatten.

Die mit Difteln und Neffeln dicht bewachfenen furchtbar über einander geftürzten Ruinen von Utifa übertrafen an fchöner MWirfung unfere

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Erwartung. Kaum hatten wir fie indeß nur flüchtig unterfucht, und unter einem thurmartig hervorragenden Pfeiler, an den fih eine Palme gelehnt hatte die gern mit den Trümmern des Alterthums ſich zu vereinen fiheint das Unkraut ein wenig weggeräumt, unfere Teppiche gebreitet und die Victualienkoͤrbe aus— zupaden angefangen, als das bisherige, lange Zeit nur ſchwache Geftober in den heftigften Plabregen überging, der während zwei Stunden ununterbrochen andauerte. Wir mußten, fo gut wie möglic) in unfre Mäntel und Bernus gewickelt, das durchweichte Mahl unter unfern Regenſchirmen zu uns nehmen; denn leider war fein Thorweg und Fein Gewölbe ganz genug geblieben, um uns hülfreich zu ſchuͤtzen. Doc) begeifterte uns des heldenmüthigen Roͤmers Anz denken zu fehr, um wegen fo Kleinen Ungemachs unfre gute Laune zu verlieren. „Ich bin mein Herr!“ rief ich, wie Cato, als er auf fein Schwerdt blickte, und ergriff kuͤhn, ftatt deffen,

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einen Hühnerflügel, Kaum erinnre ich mich, je luftiger getafelt zu haben, als unter Diefen Trümmern, in der area cativa am Sumpf, wo wir den Wein gen Himmel hielten, um ihn mit friſchem Waffer zu mifchen, was wir uns ohne Dies ſchwer würden verfchafft haben. Viel Ger lächter erregte befönderg einer unferer Efel, der von Difteln fatt, ſich bis an den Bauch in Brenn: neffeln poftirt hatte, und mit hangenden Ohren, von denen der Regen, wie aus zwei NRinnen herabtriefte, fo tieffinnig, nachdenfend und unbeweglich daftand, daß er in Cruikchank's Garricaturen das befte Conterfei eines Stoifers abgegeben haben würde, Auch mit einer Tafel: mufif wurden wir regalirt, welche die Mauren dadurch hervorbrachten, daß fie beide Baden wie eine Trommel aufbliefen, und während fie mit dem Munde trompeteten, auf Baden, Bruft und Hande abwechfelnd ſchlugen, und auf diefe Meife den fonderbarften Charivari von der Welt uns zum Beſten gaben.

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Der Theil der Nuinen, wo wir uns befanden, die alte Eitadelle, fteht auf einem ifolirten Hügel, der, wie man leicht erfennt, früher von Waffer rings umgeben war,